Wenn du jemanden vermisst, der dir nicht gutgetan hat

Das verbotene Gefühl

Es gibt eine Sorte von Vermissen, für die man sich schämt.
Ein Gefühl, das man wie ein schmutziges Geheimnis vor sich selbst verbirgt, weil der eigene Verstand es augenblicklich als absolute Fehlfunktion deklariert.
Man sitzt da, die Vernunft listet lückenlos alle Argumente auf, und trotzdem zieht sich im Brustkorb alles zusammen.
Am Anfang, direkt nach dem großen Knall, ist die Welt meistens noch überschaubar.
Die Erleichterung steht wie eine massive Wand vor den Trümmern.
Man weiß ganz genau, warum man den Schlussstrich gezogen hat.
Die Verletzungen brennen noch auf der Haut, die Demütigungen sind frisch, das Gift ist noch im System.
Man ist sich absolut sicher: Nie wieder zurück in diese Dynamik.

Doch Zeit ist ein verdammt tückischer Filter.
Wenn ein Mensch über acht Jahre hinweg fast jeden einzelnen Tag Teil des eigenen Lebens war, hinterlässt sein Verschwinden keine saubere Trennung, sondern eine gähnende, hungrige Lücke im Alltag.
Zuerst ist diese Leere laut, dann wird sie leiser. Man glaubt, man hätte es geschafft.
Und genau dann schleicht sich die Sehnsucht durch die Hintertür wieder an.
Sie kommt nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern tarnt sich als Alltagsnostalgie.
Ein bestimmtes Game, das man früher zusammen gezockt hat.
Ein Insider, eine Melodie.
Scheinbar harmlose Gedanken, die die Person plötzlich wieder ganz nah an die Oberfläche des Bewusstseins spülen.

Das Paradoxe ist der schleichende Verlust der Schärfe.
Man weiß theoretisch noch ganz genau, dass da öffentliche Demütigungen waren. Dass da Grenzen überschritten wurden, die an Stalking grenzten.
Unzählige kleine, toxische Nadelstiche, die sich über fast ein Jahrzehnt angesammelt haben. Doch wenn man heute nach den konkreten Beispielen greifen will, greift man oft ins Leere.
Das Wissen ist noch da – aber die akute Wut, der Schmerz von damals, hat seine scharfen Kanten verloren.
Und genau in diesem Vakuum nistet sich das gefährlichste Wort der Welt ein:
Vielleicht.
Vielleicht hat er sich geändert.
Vielleicht wäre es heute anders.

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