Wenn Azeroth noch ruft – aber ich nicht weiß, ob ich antworten will
Wenn alte Welten plötzlich wieder leise anklopfen
Der Gedanke an World of Warcraft fühlt sich schön an.
Aber vor allem fühlt er sich gefährlich an.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass es nicht einfach nur um ein Spiel geht. Nicht um „ach, könnte ich ja mal wieder installieren“. Nicht um eine spontane Laune, die kurz aufploppt und danach wieder verschwindet. Am Anfang war es vielleicht so. Ein kurzer Gedanke. Ein kleines Ziehen. Ein „hm, war schon schön damals“. Dann habe ich ihn wieder weggeschoben, weil es einfacher war. Weil WoW deinstalliert war. Weil ich irgendwann für mich beschlossen hatte: Ich bin fertig damit.
Nur blieb der Gedanke nicht weg.
Er kam wieder. Und wieder. Und wieder.
Nicht laut. Eher wie ein leises Anklopfen von einer alten Welt, die genau weiß, wo sie mich findet. Manchmal durch Newsletter, die ich gefühlt schon tausendmal abbestellt habe und die sich trotzdem wieder in mein Postfach schleichen. Manchmal durch Hearthstone, wenn ich in meine Freundesliste schaue und dort wieder sehe, wer gerade in World of Warcraft unterwegs ist. Und manchmal einfach durch diesen Moment, in dem ich vor meinen Spielen sitze und merke: Irgendwie fehlt mir etwas.
Das ist nicht so, als hätte ich gar nichts gespielt. Im Gegenteil. Ich habe Detroit: Become Human inzwischen über zehn Mal durchgespielt. Hogwarts Legacy habe ich endlich beendet, und das hat mir auch wirklich Spaß gemacht. Until Dawn, The Quarry, solche Entscheidungsspiele – ja, die funktionieren bei mir. Die können mich packen, weil sie mir Entscheidungen geben, Konsequenzen, Atmosphäre, Figuren, an denen ich hängenbleibe.
Aber bei vielen anderen Spielen passiert gerade etwas anderes.
Ich fange sie an. Ich finde sie interessant. Ich sehe, dass sie gut gemacht sind. Und trotzdem halten sie mich nicht richtig fest.
The Witcher 3 ist so ein Beispiel. Eigentlich toll. Eigentlich spannend. Eigentlich ein Spiel, in das man versinken könnte. Aber irgendetwas springt nicht über. Beyond: Two Souls habe ich angefangen und ich will es auch weiterspielen, aber es ist nicht dieses Gefühl von: Ich muss jetzt unbedingt weiter, ich will da rein, ich will mich daran festbeißen. Batman habe ich relativ schnell wieder abgebrochen. Planet Coaster sollte mich kreativ beschäftigen, aber dann ging der erste Park in Windeseile pleite, der zweite fing mit viel Eingangsbereich und wenig Begeisterung an, und plötzlich war auch da wieder die Luft raus. Diablo macht Spaß, ja. Aber selbst das liegt dann wieder ein paar Tage herum.
Und Hearthstone?
Hearthstone ist Hearthstone. Es fordert mich manchmal, aber es nervt mich genauso zuverlässig. Vor allem, wenn die Meta wieder einmal aussieht, als hätte jemand beschlossen, dass Spaß optional ist.
Also sitze ich manchmal da und denke: Ich will irgendwas spielen.
Und direkt danach kommt: Aber was?
Irgendetwas fehlt. Nicht unbedingt Beschäftigung. Davon gibt es genug. Nicht einmal Auswahl. Meine Bibliothek ist nicht leer. Aber mir fehlt dieses Gefühl, wirklich hineingezogen zu werden. Dieses Gefühl, ein Ziel zu haben. Eine Welt zu betreten, in der ich nicht nach zwanzig Minuten wieder denke: Ja, nett, aber irgendwie auch egal.
Und dann steht Azeroth plötzlich wieder im Raum.
Nicht als klare Entscheidung. Nicht als Plan. Eher als Versuchung.
Vielleicht will ich wirklich zurück. Vielleicht will ich aber auch nur wieder so gefesselt sein wie damals. Vielleicht vermisse ich nicht nur World of Warcraft selbst, sondern dieses Gefühl, das es mir gegeben hat: Herausforderung, Fortschritt, Struktur, eine Welt, die groß genug war, um mich lange zu halten.
Und genau deshalb ist der Gedanke gefährlich.
Weil ich weiß, was WoW bedeuten kann.
WoW war nie nur ein Spiel
Ich habe schon immer gespielt.
Bevor World of Warcraft überhaupt ein Thema für mich wurde, war Gaming längst ein Teil meines Lebens. Ich bin mit Konsolen aufgewachsen, mit Spielen, die mich begleitet haben, lange bevor Onlinewelten für mich wichtig wurden. Tomb Raider. Fable. Solche Spiele. Spiele, in die man eintaucht, die einen mitnehmen, die für eine Zeit alles andere überdecken können.
Aber irgendwann sind sie vorbei.
Man spielt sie durch. Man erlebt ihre Geschichte. Man kennt ihre Wege, ihre Figuren, ihre Geheimnisse. Und irgendwann steht man da, hat den Abspann gesehen, vielleicht noch ein paar Nebenaufgaben erledigt, vielleicht noch einmal neu angefangen – aber im Grunde ist diese Welt abgeschlossen.
Damals dachte ich: Wie schön wäre eigentlich ein Spiel, das nicht einfach endet?
Ein Spiel, in dem immer noch etwas zu tun ist. Eine Welt, die weiterläuft. Ein Ort, an den man immer wieder zurückkehren kann, ohne dass nach vierzig, sechzig oder hundert Stunden endgültig Schluss ist. So kam ich irgendwann auf World of Warcraft.
Angefangen habe ich 2017, irgendwann im Sommer. Am Anfang war WoW für mich tatsächlich noch ein Gelegenheitsspiel. Mein allererster Charakter war eine Blutelfen-Jägerin auf Hordenseite, und ich habe ewig gebraucht, um sie hochzuleveln. Ich glaube, ungefähr ein halbes Jahr. Nicht, weil ich bewusst langsam spielen wollte, sondern weil WoW damals noch etwas war, das ich nebenbei spielte. Ich loggte mich ein, levelte ein bisschen, schaute mich um, verstand vieles noch nicht und nahm mir Zeit.
Kurz bevor ich das Endlevel erreichte, erfuhr eine damalige Freundin, dass ich auch WoW spielte. Sie war selbst aktiv und meinte, ich könne doch zu ihnen in die Gilde kommen.
Und ab da veränderte sich alles.
Plötzlich war WoW nicht mehr nur dieses Spiel, in dem ich allein durch Gebiete lief und Quests erledigte. Plötzlich waren da echte Menschen. Eine Gilde. Stimmen im Teamspeak, später im Discord. Gemeinsame Abende, gemeinsames Lachen, gemeinsames Scheitern, gemeinsames Weiterkommen. Ich lernte, dass WoW nicht einfach ein großes Rollenspiel war, sondern ein sozialer Raum. Ein Ort, an dem man sich verabredete, wartete, half, diskutierte, plante, fluchte und manchmal länger blieb, als man eigentlich wollte.
Aus Gelegenheit wurde ziemlich schnell Hardcore.
Ich saß irgendwann täglich in diesem Spiel. Nicht nur mal kurz. Nicht nur eine Stunde. Sondern von morgens bis abends, weil immer irgendetwas zu tun war. Ich wechselte irgendwann vom Jäger zur Hexenmeisterin und landete später beim Priester als Heiler. Diese drei Klassen waren lange die wichtigsten für mich, auch wenn ich zwischendurch viel getwinkt und irgendwann fast jede Klasse ausprobiert habe.
Aber besonders M+ hat mich richtig gepackt.
Mythisch-Plus-Dungeons waren genau diese Art von Herausforderung, die mich reizt: Zeitdruck, Mechaniken, Klassenverständnis, Zusammenspiel, Fehler, die sofort auffallen, und dieses Gefühl, dass man besser werden kann, wenn man sich wirklich damit beschäftigt. Eine Season habe ich sogar richtig hart gepusht. Ich habe geboostet, mich festgebissen, meine Klasse gelernt, Routen verstanden, mich an Zahlen, Leistung und Fortschritt orientiert.
Dazu kamen Raids, die ich geliebt habe. Das Sammeln. Mounts. Erfolge. Gold. Twinks. Routinen. Events. Alte Inhalte. Neue Ziele. Ich habe unglaublich viel Zeit in WoW gesteckt, aber auch Geld. Sehr viel Geld, wenn ich ehrlich bin. Und es war trotzdem lange nicht dieses Gefühl von „verschwendet“, sondern eher: Das ist mein Hobby.
Ich hatte tolle Gilden. Ich hatte furchtbare Gilden. Ich habe selbst versucht, Gilden zu leiten, mehr als einmal, und es ging jedes Mal irgendwie in die Hose. Ich habe Menschen kennengelernt, Freundschaften gefunden, auch eine sehr lange Freundschaft, die später schwierig wurde. Ich habe aber auch jemanden gefunden, mit dem ich heute noch befreundet bin. In WoW lagen gute Erinnerungen und dunkle Zeiten nah beieinander. Kuriose Geschichten sowieso. Eigentlich genug Stoff für fünf eigene Beiträge.
Und genau deshalb kann ich WoW nicht einfach nur als Spiel betrachten.
Es war Alltag. Rückzug. Herausforderung. Routine. Sozialraum. Skill. Manchmal Halt. Manchmal auch zu viel. Aber es war nie nur etwas, das ich gestartet habe, um ein bisschen Zeit totzuschlagen.
World of Warcraft war über Jahre hinweg ein Hobby.
Ein Ort, an dem ich wusste, was ich tun kann. Ein Spiel, das nicht vorbei war, sobald die Geschichte erzählt war. Eine Welt, die mich gehalten hat, weil sie nie stillstand.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Azeroth nicht einfach aus meinem Kopf verschwindet.
Warum mich neue Spiele gerade so schnell verlieren
Das Problem ist nicht, dass ich nichts zu spielen hätte.
Eigentlich ist eher das Gegenteil der Fall. Ich habe genug Auswahl. Ich habe Spiele angefangen, Spiele gekauft, Spiele wieder rausgesucht, Spiele installiert, Spiele deinstalliert und Spiele im Kopf auf diese innere Liste gesetzt, auf der Dinge landen, die ich irgendwann ganz bestimmt weiterspiele. Vielleicht. Wahrscheinlich. Eventuell. Wenn der richtige Moment kommt.
Nur kommt dieser Moment oft nicht.
Das liegt nicht daran, dass diese Spiele schlecht sind. The Witcher 3 ist nicht schlecht. Beyond: Two Souls ist nicht schlecht. Diablo macht Spaß. Planet Coaster kann mich kreativ durchaus beschäftigen. Entscheidungsspiele wie Until Dawn oder The Quarry funktionieren bei mir sowieso, weil sie Atmosphäre haben, Figuren, Konsequenzen und dieses Gefühl, dass meine Entscheidungen wenigstens irgendwo Spuren hinterlassen.
Aber sie geben mir gerade nicht das, wonach ich suche.
Und genau das ist schwer zu erklären, weil es auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt. Ich bin keine Spielerin, die grundsätzlich nur noch ein einziges Spiel akzeptiert. Ich liebe Storys. Ich mag gute Figuren. Ich kann in Entscheidungsspielen versinken. Ich kann Aufbau-Spiele starten, Eingangsbereiche bauen, Parks planen, mich über Geldprobleme aufregen und kurz so tun, als hätte ich ein wirtschaftliches Imperium unter Kontrolle, obwohl mein erster Planet-Coaster-Park schneller pleite war, als ich „Achterbahn“ sagen konnte.
Aber vieles davon ist entweder irgendwann vorbei oder es bleibt Gelegenheitsspiel.
The Witcher 3 ist interessant, groß und eigentlich genau so ein Spiel, in das man tief eintauchen könnte. Trotzdem packt es mich nicht so, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Ich laufe los, erledige Quests, versuche mich in die Welt einzufinden und ärgere mich irgendwann über die Steuerung. Beyond will ich weiterspielen, aber ich kenne es bereits. Es ist kein unbekanntes Abenteuer mehr, sondern eher ein Wiedersehen mit einer Geschichte, die ich schon einmal erlebt habe. Dazu kommen Quicktime-Events, die mich zuverlässig daran erinnern, dass manche Steuerungsideen vermutlich in einem sehr dunklen Raum beschlossen wurden.
Planet Coaster ist schön, aber für mich eher ein Spiel zum Chillen. Etwas für ruhige Momente. Etwas, das ich spiele, wenn ich bauen, basteln oder mich kreativ beschäftigen möchte. Die Herausforderung besteht dann darin, nicht sofort pleitezugehen oder endlich eine vernünftige Achterbahn hinzubekommen. Das kann Spaß machen, aber es ist eine andere Art von Spaß.
Diablo wiederum ist eher Frustabbau. Monster metzeln, Loot einsammeln, durch Dungeons rennen, ein bisschen sinnlos durch die Gegend stapfen und sich kurz gut fühlen, weil auf dem Bildschirm genug explodiert. Auch das hat seinen Platz. Aber es ist für mich nicht dasselbe. Es ist stärker saisonal, stärker auf diesen Zyklus ausgelegt: neuer Charakter, neue Season, neuer Grind, irgendwann wieder von vorne.
Und Hearthstone?
Hearthstone ist momentan eines der wenigen Spiele, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Nicht, weil es mich nicht nervt. Es nervt mich sogar regelmäßig. Manchmal sogar mit Hingabe. Gerade wenn die Meta wieder so aussieht, als hätte jemand beschlossen, dass mein Spaß heute nicht eingeplant wurde. Aber es fordert mich zumindest. Es gibt mir Ränge, Gegner, Frust, kleine Siege, Decks, Entscheidungen und dieses „nur noch ein Spiel“-Gefühl, das selten bei nur einem Spiel bleibt.
Trotzdem ersetzt es WoW nicht.
Denn was mir fehlt, ist nicht einfach Schwierigkeit. Ich will Story-Spiele gar nicht unbedingt auf schwer spielen. Wenn ich eine Geschichte erleben will, möchte ich sie erleben und nicht in jeder zweiten Szene von irgendeinem übermotivierten Gegner aus der Atmosphäre geprügelt werden. Schwierigkeit allein ist nicht automatisch Herausforderung. Ein Spiel auf schwer zu stellen, macht es nicht automatisch tief. Manchmal macht es nur alles nerviger.
Was mir fehlt, ist eher ein Ziel.
Ein Grund, einzuloggen. Ein Gefühl von Fortschritt. Eine Welt, in der ich selbst entscheiden kann, was ich heute mache. Will ich farmen? Will ich leveln? Will ich pushen? Will ich Dailies erledigen? Will ich alte Inhalte laufen? Will ich sammeln? Will ich solo spielen? Will ich mich verbessern? Will ich einfach nur ein bisschen durch die Welt laufen und trotzdem das Gefühl haben, dass irgendetwas vorangeht?
Genau da war WoW anders.
WoW war nie nur eine Geschichte, die irgendwann endet. Es war auch nie nur ein Spiel, das mich für ein paar Abende beschäftigt. Es war eine riesige Kiste voller Möglichkeiten. Man konnte sich Ziele setzen, kleine und große. Man konnte sich in Systeme verbeißen. Man konnte sammeln, optimieren, kämpfen, heilen, leveln, raiden, M+ laufen, Gold machen, alte Mounts jagen oder einfach irgendetwas tun, weil diese Welt immer noch etwas in der Hinterhand hatte.
Und vielleicht fehlt mir genau das gerade.
Nicht Beschäftigung. Davon habe ich genug.
Mir fehlt dieses Gefühl, dass ein Spiel mich wirklich festhält. Dass es mehr ist als ein paar Abende Unterhaltung. Dass es nicht sofort wieder aus meinem Kopf verschwindet, sobald ich es geschlossen habe. Dass es mich fordert, ohne mich einfach nur zu nerven. Dass es mir Ziele gibt, ohne mich komplett zu erschlagen.
Vielleicht suche ich gerade gar nicht nach irgendeinem neuen Spiel.
Vielleicht suche ich nach diesem alten Gefühl, wieder irgendwo spielerisch anzukommen.
Die Wehmut: Vermisse ich WoW – oder das Gefühl von damals?
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht genau, ob ich Azeroth selbst vermisse.
Vielleicht klingt das seltsam, weil World of Warcraft so lange ein Teil meines Alltags war. Eigentlich müsste ich doch sofort sagen können: Ja, ich vermisse diese Welt. Die Gebiete. Die Musik. Die Atmosphäre. Die alten Addons. Dieses Gefühl, wieder dort zu sein.
Aber so einfach ist es nicht.
Die Musik hatte ich meistens sowieso aus. Alte Gebiete sind schön, aber man spielt selten wirklich dauerhaft im alten Content herum. Man erinnert sich daran, man läuft vielleicht mal durch, man farmt etwas, man wird kurz nostalgisch, aber das eigentliche Spiel findet meistens im aktuellen Content statt. Und genau den kenne ich gerade gar nicht. Ich weiß nicht, ob er gut ist. Ich weiß nicht, ob er mich packen würde. Ich weiß nicht, ob ich mich einloggen und denken würde: Ja. Da ist es wieder.
Oder ob ich nach ein paar Stunden merken würde: Ich habe mehr erwartet.
Vielleicht vermisse ich nicht Azeroth als Ort. Vielleicht vermisse ich eher das, was WoW mir früher gegeben hat.
Dieses Gameplay. Diese Klassen. Diese Vielfalt. Dieses Gefühl, dass es immer mehrere Wege gibt, etwas zu tun. Ich konnte raiden, M+ pushen, sammeln, farmen, twinken, Berufe leveln, Mounts jagen, Haustierkämpfe machen, alte Erfolge nachholen oder einfach irgendwo anfangen und mich in irgendein Ziel verbeißen. Manche Menschen nutzen WoW fast wie einen Wirtschaftssimulator, andere als Sammelalbum, andere als sozialen Treffpunkt, andere als Leistungsspiel. Und genau das ist bis heute eine Stärke dieses Spiels: Es ist nicht nur eine Sache.
WoW ist nicht einfach ein Spielmodus. Es ist ein ganzes Regal voller Spielmodi, Systeme und kleiner Beschäftigungen, die ineinandergreifen.
Und ich glaube, genau diese Vielfalt fehlt mir manchmal.
Nicht unbedingt die Gilden. Die vermisse ich wahrscheinlich eher nicht. Wenn ich jetzt wieder anfangen würde, mir eine Gilde suchen, ernsthaft raiden und richtig M+ pushen würde, dann wüsste ich ziemlich genau, was passieren kann: Dann könnte ich den Blog vermutlich direkt an den Nagel hängen. Nicht, weil ich das will. Sondern weil ich weiß, wie sehr WoW Raum einnehmen kann, wenn ich wieder richtig hineinfalle.
Aber das Gameplay vermisse ich. Oder zumindest die Erinnerung daran.
Besonders meine Klassen hängen stark an diesem Gefühl. Mein Jäger war meine erste lange WoW-Liebe, auch wenn es manchmal eher eine Hassliebe war. Meine Hexe dagegen war anders. Die habe ich geliebt. Wirklich geliebt. Das war irgendwann meine Klasse. Dazu kam später der Priester als Heiler, der noch einmal eine ganz eigene Art von Verantwortung und Spielgefühl hatte. An diesen Charakteren hängen Erinnerungen. Nicht nur an Pixeln oder Talentbäumen, sondern an Phasen, in denen ich wusste, was ich tat. Was ich konnte. Worin ich besser werden wollte.
Vor allem M+ hat mich damals enorm gefesselt.
Da war dieser Ehrgeiz. Dieses Pushen. Dieses „ich will das schaffen“. Ich wollte mein 3K Rating erreichen, und ich habe es geschafft. Danach kam das nächste Ziel. Ich bin 24er Keys gelaufen und wollte unbedingt 25er laufen. Nicht irgendwann vielleicht. Sondern richtig. Ich wollte das.
Und weil ich viel mit Randoms unterwegs war, musste ich mich durchbeißen. Wenn man noch keinen 25er gelaufen ist, wird man oft nicht mitgenommen, weil die Leute genau darauf schauen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine eigenen Keys hochzuspielen. Dann wurde der Key wieder depleted, also kaputtgespielt, und ich musste ihn erneut hochbringen. Wieder anmelden. Wieder warten. Wieder laufen. Wieder hoffen, dass diese Gruppe es diesmal hinbekommt.
Manchmal saß ich den ganzen Tag daran.
Und ja, mein Ego war damals gefährlich hoch.
Aber es hat Spaß gemacht. Genau das ist der Punkt. Dieses ständige Scheitern und Wieder-versuchen war nicht nur frustrierend, es war auch antreibend. Ich hatte ein Ziel. Ich hatte etwas, woran ich mich messen konnte. Ich konnte besser werden, meine Klasse sauberer spielen, Dungeons besser kennen, Entscheidungen schneller treffen. Es war nicht einfach nur „schwer“. Es war herausfordernd auf eine Weise, die mich wirklich gepackt hat.
Dazu kamen Raids, Curve-Erfolge, Mounts, Erfolge, für die man teilweise ein ganzes Jahr brauchte. Dinge, die Arbeit waren, aber dadurch auch Bedeutung bekamen. Manche Belohnungen waren später vielleicht nicht mehr so viel wert, weil das Spiel weiterging und sich alles verschob. Aber in dem Moment waren sie etwas. Sie waren ein Ziel, ein Beweis, ein kleines Stück Fortschritt in einer Welt, die immer weiterlief.
Und vielleicht ist genau das die Wehmut.
Nicht nur: Ich vermisse WoW.
Sondern: Ich vermisse dieses Gefühl, ein spielerisches Ziel zu haben, an dem ich mich festbeißen kann. Ich vermisse die Mischung aus Können, Ehrgeiz, Vielfalt und Routine. Ich vermisse vielleicht eine Phase, in der ein Spiel mich so stark gehalten hat, dass ich nicht dauernd überlegen musste, was ich jetzt eigentlich spielen will.
Aber genau deshalb macht mir der Gedanke an eine Rückkehr auch Angst.
Denn was, wenn ich mir die Erweiterung kaufe, Spielzeit hole, mich einlogge, level und dann merke: Das Gefühl kommt nicht zurück?
Was, wenn ich nicht Azeroth vermisse, sondern eine Version von mir, die damals dort zu Hause war?
Und was, wenn WoW trotzdem noch genau genug von diesem Gefühl hat, um mich wieder hineinzuziehen?
Der Haken: WoW frisst nicht nur Zeit
World of Warcraft frisst Zeit.
Das klingt erst einmal banal, weil jedes große Spiel Zeit frisst, wenn man sich darauf einlässt. Aber bei WoW ist es anders. Es ist nicht nur diese eine Stunde, die plötzlich drei werden. Nicht nur ein Abend, der länger dauert als geplant. Nicht nur „ach, noch schnell eine Runde“.
WoW kann mehr fressen als Zeit.
Es kann Tagesstruktur fressen. Aufmerksamkeit. Routinen. Abstand. Manchmal sogar das Gefühl dafür, wann genug eigentlich genug wäre.
Meine erste wirklich dunkle WoW-Phase hatte ich zu Battle for Azeroth. Ich hatte damals über das Forum Leute zum Spielen gesucht, weil ich allein unterwegs war. Daraus entstand meine erste richtige M+ Gruppe. Vorher war ich in Mythic Plus eher irgendwo am Anfang. Ich war froh, wenn ich mal einen 5er Key gelaufen bin, und meine Wertung war nichts, womit ich groß hätte angeben können. Rückblickend war ich am Anfang einfach nicht gut. Nicht schlimm schlecht, aber weit entfernt von dem, was später daraus wurde.
Dann kam diese Gruppe.
Und plötzlich verstand ich das Spiel anders.
Ich merkte zum ersten Mal, was es bedeutet, nicht nur irgendwie Dungeons zu laufen, sondern M+ wirklich zu spielen. Mechaniken zu verstehen. Zusammenspiel zu erleben. Besser zu werden. Nicht nur mitzuschwimmen, sondern wirklich Teil von etwas zu sein. Das war unglaublich reizvoll. Und genau da wurde aus Begeisterung irgendwann etwas, das nicht mehr gesund war.
Ich war richtig hart süchtig.
Es gab Phasen, in denen mein Mann morgens von der Nachtschicht nach Hause kam und ich immer noch am PC saß. Ich hatte nicht einfach nur lange gespielt. Ich war im Grunde gar nicht mehr richtig weggegangen. Aufstehen, PC an, einloggen, spielen. Essen am Schreibtisch. Haushalt vernachlässigt. Gemeinsames Essen vernachlässigt. Mich selbst vernachlässigt. Körperpflege vernachlässigt. Alles wurde kleiner, während WoW immer größer wurde.
Es war nicht Pflicht.
Es war Sucht.
Und das ist ein Unterschied, der mir heute wichtig ist. Ich habe nicht gespielt, weil ich dachte, ich müsse brav irgendeine Liste abarbeiten. Ich habe gespielt, weil dieses Spiel mich so stark gezogen hat, dass alles andere daneben verblasste. Immer noch ein Key. Immer noch ein Versuch. Noch eine Gruppe. Noch ein Run. Noch ein Ziel. Noch ein bisschen besser werden.
Irgendwann sagte mein Mann sinngemäß: Bis hierhin und nicht weiter. Reduzier das, oder das war’s.
Erst da begann ich langsam, wieder etwas Abstand zu bekommen. Nicht sofort. Nicht sauber. Nicht perfekt. Aber langsam. Ich musste mir überhaupt erst wieder ein Verhältnis zu diesem Spiel zurückholen, das nicht komplett von WoW bestimmt wurde.
Und genau deshalb weiß ich heute, warum der Gedanke an eine Rückkehr gefährlich ist.
Ich glaube nicht, dass ich noch einmal so tief hineinfallen würde wie damals. Ich bin heute nicht mehr dieselbe. Mein Leben ist anders. Meine Prioritäten sind anders. Gedankenschild existiert. Der Blog ist nicht irgendein kleines Nebenprojekt, sondern etwas, das Raum braucht, Aufmerksamkeit, Planung, Energie und Verlässlichkeit.
Aber genau das wäre gefährdet.
Nicht mein Schlaf. Nicht unbedingt mein Alltag komplett. Aber der Blog? Ja. Definitiv.
Denn WoW ist kein Spiel, bei dem man sich einfach nur für eine kleine Runde einloggt und dann wieder geht. Natürlich kann man das theoretisch. Praktisch sieht es anders aus. Ein M+ Dungeon dauert vielleicht zwanzig Minuten, wenn alles gut läuft. Aber man loggt sich nicht für einen Dungeon ein. Man läuft mehrere. Man macht Dailies. Man farmt etwas. Man schaut, was noch offen ist. Man sieht jemanden aus der Freundesliste. Dann hängt man plötzlich im Discord. Dann kommt noch ein Key. Dann noch einer. Und irgendwann ist der Tag weg.
Und der Blogbeitrag steht immer noch nicht.
Dazu kommt etwas, das fast noch schwerer wiegt als die Zeit: WoW war nicht nur ein Ort für schöne Erinnerungen.
Es war auch ein Ort voller toxischer Gruppen, Druck und Verletzungen.
Gerade später, als ich viel allein unterwegs war und vor allem als Heilerin gespielt habe, wurde das Spiel rauer. Fehler wurden selten verziehen. Wenn etwas schiefging, war sehr schnell der Heiler schuld. Man musste ein hartes Fell haben. Wirklich hart. Es gab Beleidigungen, Sprüche, dieses typische „Bitte heile nie wieder“ oder „Deinstallier das Spiel“. Dinge, die man sich irgendwann angeblich nicht mehr zu Herzen nehmen soll, die aber trotzdem irgendwo hängenbleiben, wenn sie oft genug kommen.
In WoW musst du gut sein. Oder zumindest so wirken, als wärst du es.
Neu sein, lernen, Fehler machen, langsam besser werden – das klingt theoretisch schön, aber in vielen Gruppen fühlt es sich nicht so an. Es fühlt sich eher an, als müsse man schon alles können, bevor man überhaupt mitspielen darf. Und wenn man allein unterwegs ist, kann das brutal werden.
Trotzdem war das nicht der einzige Grund, warum es irgendwann kippte.
Da war auch diese eine langjährige Freundschaft.
Acht Jahre.
Acht Jahre gemeinsames Spielen, Reden, Erleben, Festhängen. Ich habe ihn lange für meinen besten Freund gehalten. Heute weiß ich, dass diese Freundschaft toxisch war. Damals habe ich es nicht so gesehen. Damals war es einfach mein bester Freund. Jemand, der fest mit diesem Spiel verbunden war. Mit Routinen. Mit Erinnerungen. Mit Orten. Mit Charakteren. Mit allem.
Als diese Freundschaft endete, endete für mich nicht nur ein Kontakt.
Etwas in WoW selbst kippte.
Plötzlich erinnerte mich alles an ihn. Wirklich alles. Einloggen wurde schwierig. Bestimmte Klassen, bestimmte Namen, bestimmte Orte, bestimmte Situationen. Er spielte einen Rufer, und diese Klasse war so auffällig, dass ich ständig auf Namen achtete. Ich wollte nicht in seiner Nähe stehen. Ich wollte ihm nicht begegnen. Ich wollte flüchten, den Server wechseln, ausweichen, unsichtbar werden. Es war, als hätte sich das ganze Spiel mit dieser Freundschaft aufgeladen.
Und irgendwann konnte ich nicht mehr.
Ich verlor den Spaß. Nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Erst war da noch der Versuch, weiterzuspielen. Dann Spielzeit für ein kurzes Einloggen. Dann der nächste Versuch. Dann wieder dieses Gefühl: Es ist vorbei.
Nicht, weil WoW plötzlich nichts mehr konnte.
Sondern weil zu viel daran hing.
Zeit. Sucht. Druck. toxische Gruppen. Ehrgeiz. Verletzungen. Eine Freundschaft, die acht Jahre lang mein Leben begleitet und mir gleichzeitig unglaublich viel erschwert hatte.
Auch wenn ich heute froh bin, dass sie vorbei ist, ist sie nicht einfach weg. Solche Dinge verschwinden nicht, nur weil man den Launcher schließt. Und genau davor habe ich Angst, wenn ich an eine Rückkehr denke.
Nicht nur davor, dass WoW wieder Zeit frisst.
Sondern davor, dass alte Gedanken wieder wach werden.
Zwischen Rückkehr und Abstand
Wenn ich wirklich zu World of Warcraft zurückkehren würde, müsste es anders sein als früher.
Das weiß ich ziemlich klar.
Vielleicht wäre genau das die einzige Möglichkeit, überhaupt darüber nachzudenken: nicht wieder als die Spielerin zurückzugehen, die jeden Tag online ist, sich in Gruppen verpflichtet, sich an Raidzeiten bindet, Discord als Dauerbeschallung akzeptiert und irgendwann wieder das Gefühl bekommt, mithalten zu müssen.
Eine gesunde Rückkehr wäre für mich vermutlich eine sehr stille Rückkehr.
Vielleicht sogar offline.
Nicht, weil ich die Menschen in meiner Freundesliste nicht mag. Einige davon mag ich wirklich. Aber ich weiß auch, was passieren kann, sobald ich sichtbar bin. Dann entsteht wieder dieser innere Druck. Dieses „du müsstest doch“. Dieses „komm doch mit“. Dieses „spiel das Talent“. Dieses „der Build ist aber besser“. Dieses „so macht man das nicht“. Und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich mich in solchen Situationen oft schwer durchsetze.
Gerade in WoW ist es schnell nicht mehr egal, wie man spielt.
Natürlich kann man sagen: Spiel doch einfach, wie du willst. Theoretisch stimmt das. Praktisch sieht es anders aus, vor allem wenn man nicht nur solo unterwegs ist. Es gibt Talentbäume, Builds, Meta, Logs, Vergleiche, Erwartungen und Menschen, die sehr genau wissen wollen, warum man etwas nicht so spielt, wie es angeblich optimal wäre. Als Heiler ist da manchmal noch etwas mehr Spielraum, weil viele Heiler irgendwann ihren eigenen Weg finden, wie sie am besten funktionieren. Aber als Damage Dealer ist man schneller messbar, vergleichbar und angreifbar.
Und genau darauf habe ich keine Lust mehr.
Ich hätte Lust, mit anderen Menschen zu spielen. Ja. Das ist ja auch ein Teil dessen, was WoW ausmacht. Aber ich habe keine Lust mehr auf dauerhafte Verpflichtungen. Keine Lust auf Gildenstrukturen. Keine Lust auf feste Raidtage. Keine Lust auf Discord-Pflicht. Keine Lust darauf, mich erklären zu müssen, wenn ich an einem Mittwochabend lieber an meinem Blog sitze, statt in einem Raid zu stehen.
Mittwoch ist in WoW oft der große Neustart der Woche. Weekly-Kiste, neue ID, neue Ziele. Früher war das einer dieser Tage, an denen man sofort wieder in die Struktur gezogen wurde. Wenn dann Raid ist und man als Heiler eingeplant ist, verlässt sich die Gruppe auf einen. Wenn man keine Lust hat oder ein paar Tage nicht online ist, fühlt es sich schnell an, als würde man jemanden hängenlassen.
Genau das will ich nicht mehr.
Ich will mich nicht wieder in ein Spiel verpflichten, als wäre es ein zweiter Kalender.
Wenn ich zurückkehren würde, dann nur ohne Gilde. Ohne feste Tage. Ohne Discord als Pflichtprogramm. Ohne diesen Druck, immer verfügbar, immer passend geskillt, immer vorbereitet und immer leistungsfähig zu sein. Ich würde wahrscheinlich solo bleiben. Vielleicht leveln. Vielleicht neue Inhalte anschauen. Vielleicht Dailies machen. Vielleicht einfach sehen, was sich verändert hat.
Aber genau da beginnt das nächste Problem.
Denn wenn ich all das nicht mehr tun würde, was WoW damals für mich ausgemacht hat – M+ pushen, raiden, mich verbessern, Ziele jagen, mit anderen spielen – wofür würde ich dann eigentlich zurückkehren?
Nur zum Reinschauen?
Nur zum Leveln?
Nur um einmal zu sehen, wie sich der aktuelle Content anfühlt?
Vielleicht wäre genau das genug. Vielleicht wäre es sogar gesund. Ein kurzer Besuch in einer alten Welt, ohne wieder dort einzuziehen. Ein paar Abende, ein bisschen Neugier, neue Gebiete, neue Systeme, vielleicht sogar dieses Housing, das ich mir früher immer gewünscht habe. Vielleicht könnte WoW heute ein Spiel sein, das ich kontrollierter spiele, mit Abstand und klaren Grenzen.
Aber ich weiß eben auch, dass WoW gefährlich gut darin ist, aus „nur mal reinschauen“ mehr zu machen.
Was, wenn mir das Addon gefällt? Was, wenn ich wieder Spaß am Leveln habe? Was, wenn ich merke, dass meine Hexe sich gut anfühlt? Was, wenn aus ein paar Dailies plötzlich mehrere Stunden werden? Was, wenn ich denke: Ach, ein Dungeon geht noch. Und dann noch einer. Und dann sehe ich, was andere laufen. Und dann kommt doch wieder dieser kleine Ehrgeiz.
Dieser alte Biss.
Dieses gefährliche „das schaffe ich auch“.
Genau deshalb ist die Vernunft gerade noch stärker als der Wunsch.
Der Gedanke ist da. Er kommt öfter. Er ist nicht verschwunden. Aber er ist noch kein Entschluss. Ich bin weit davon entfernt, sofort die Erweiterung zu kaufen, Spielzeit zu holen und mich wieder einzuloggen. Es geht auch nicht nur um die Kosten, auch wenn monatliche Spielzeit und Erweiterung natürlich ein Faktor sind. Das wäre verkraftbar. Darum geht es nicht im Kern.
Es geht um Prioritäten.
Und meine Prioritäten sind heute andere.
Gedankenschild ist nicht irgendein Hobby, das ich nebenbei mache, solange gerade kein Spiel spannender ist. Der Blog ist mir wichtig. Wirklich wichtig. Er braucht Zeit, Gedanken, Planung, Energie, Texte, Bilder, Struktur, Chaos, Nacharbeit und manchmal auch zwei Beiträge an einem Tag. Er ist ein Raum, den ich mir aufgebaut habe. Einer, den ich nicht einfach zur Seite schieben will, nur weil Azeroth wieder leise ruft.
Vielleicht wäre es anders, wenn ich den Blog nicht hätte.
Vielleicht.
Aber ganz ehrlich: Es ist viel unrealistischer, dass ich Gedankenschild aufgebe, als dass ich WoW nicht wieder installiere.
Und vielleicht sagt genau das schon sehr viel.
WoW war lange ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber Gedankenschild ist jetzt einer. Nicht als Ersatz. Nicht als neues Spiel. Sondern als etwas, das zu der Version von mir gehört, die heute hier sitzt und überlegt, ob eine alte Welt noch Platz in ihrem Leben hätte.
Vielleicht lautet die Frage also gar nicht: Will ich zurück nach Azeroth?
Vielleicht lautet sie eher: Wenn ich zurückgehe – wer bin ich dann dort?
Und wie viel von meinem heutigen Leben darf diese Welt überhaupt wieder bekommen?
Fazit: Manche Spiele verschwinden nicht ganz
Vielleicht ist genau das die Wahrheit: World of Warcraft verschwindet nicht einfach.
Nicht nach so vielen Jahren. Nicht nach so viel Zeit. Nicht nach so vielen Erinnerungen, Erfolgen, Freundschaften, Verletzungen, Routinen, Nächten, Keys, Raids, Mounts, Klassen und Momenten, die damals größer waren als „nur ein Spiel“.
Ich habe ungefähr neun Jahre WoW gespielt. Vielleicht waren es nicht exakt neun, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Aber es war lange genug, damit dieses Spiel Spuren hinterlässt. Lange genug, damit es nicht einfach eine Datei auf dem PC war, die ich irgendwann deinstalliert habe. Lange genug, damit Azeroth nicht nur ein Ort im Spiel bleibt, sondern ein Teil meiner eigenen Geschichte.
Und genau deshalb ist es zu einfach, am Ende nur auf die dunklen Seiten zu schauen.
Natürlich gab es sie. Die toxischen Gruppen. Den Druck. Die Beleidigungen. Das Gefühl, immer gut genug sein zu müssen. Die Suchtphase. Die vernachlässigten Routinen. Die Freundschaft, die acht Jahre lang so eng mit dem Spiel verwoben war, dass nach ihrem Ende fast alles in WoW wehgetan hat.
Wenn man mit so einem Gefühl aufhört, denkt man schnell: Dieses Spiel war schlecht für mich.
Aber so stimmt es eben auch nicht.
Es hatte einen Grund, warum ich so lange geblieben bin.
WoW war nicht nur Druck. Es war auch Freude. Herausforderung. Ehrgeiz. Gameplay, das mich wirklich gepackt hat. Klassen, die sich nach mir angefühlt haben. Meine Hexe. Mein Jäger. Mein Priester. Erfolge, für die ich gearbeitet habe. Mounts, die Bedeutung hatten. M+ Runs, die mich frustriert und gleichzeitig angetrieben haben. Ziele, die mich festgehalten haben. Abende, an denen ich nicht überlegen musste, was ich spielen will, weil ich schon wusste, wo ich hinwollte.
Es war eine schöne Zeit.
Nicht nur. Aber auch.
Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Art, auf WoW zurückzublicken: nicht verklärt, aber auch nicht verbittert. Ich muss nicht so tun, als wäre alles gut gewesen. Aber ich muss auch nicht alles Gute auslöschen, nur weil das Ende schwierig war.
World of Warcraft war ein schönes Spiel für mich. Ein großes Spiel. Ein prägendes Spiel. Und vermutlich wird es das auch bleiben.
Vielleicht kehre ich irgendwann zurück. Vielleicht auch nicht.
Im Moment bin ich davon weit entfernt. Der Gedanke ist da, ja. Er kommt wieder. Er klopft an. Manchmal leise, manchmal etwas deutlicher. Aber er ist noch kein Entschluss. Eher ein Zeichen dafür, dass mir beim Spielen gerade etwas fehlt. Vielleicht nicht WoW selbst. Vielleicht eher dieses Gefühl, in einem Spiel wirklich anzukommen. Gefordert zu sein. Ziele zu haben. Mich festzubeißen. Nicht nach zwanzig Minuten wieder zu denken: nett, aber irgendwie auch egal.
Vielleicht finde ich dieses Gefühl irgendwann in einem anderen Spiel.
Vielleicht in Hearthstone, wenn es mich nicht gerade mit seiner Meta beleidigt. Vielleicht in einem neuen Spiel, das ich noch nicht kenne. Vielleicht in etwas, das mich überrascht, weil ich gar nicht damit gerechnet habe. Vielleicht auch nie wieder so wie damals, weil manche Phasen im Leben eben nicht wiederholbar sind.
Und vielleicht ist das okay.
Denn wenn ich nach diesem ganzen Nachdenken ehrlich bin, steht am Ende kein klares „nie wieder“. Aber auch kein „ich komme zurück“.
Eher Abstand.
Eine offene Tür vielleicht, aber keine Einladung.
WoW darf wichtig gewesen sein, ohne wieder mein Alltag zu werden. Es darf eine Erinnerung bleiben, ohne dass ich sie neu starten muss. Es darf mich geprägt haben, ohne dass ich ihm wieder Raum geben muss, den ich heute anders füllen möchte.
Denn da ist etwas, das heute stärker ist.
Gedankenschild.
Dieser Blog. Diese Texte. Diese Stimmen. Dieses Chaos. Diese Arbeit, die manchmal anstrengend ist, aber sich nach mir anfühlt. Nach meinem Jetzt. Nach dem, was ich heute aufbaue, statt nach dem, worin ich mich früher verloren habe.
Vielleicht war WoW damals eine geile Zeit.
Aber die jetzige Zeit ist irgendwie geiler.
Und vielleicht reicht das als Antwort.
Nicht als endgültiger Abschied. Nicht als dramatisches Türenschlagen. Sondern als ruhiger Blick auf eine alte Welt, die noch immer irgendwo ruft – während ich hier sitze, hinhöre und trotzdem nicht sofort loslaufe.
Manche Spiele verschwinden nicht ganz.
Aber manche bleiben besser Erinnerung.

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