Wenn Hochsensibilität und Borderline im Alltag ineinander rauschen
Wenn alles gleichzeitig ankommt
Manchmal beginnt es mit etwas völlig Lächerlichem. Einer Katze, die am Napf frisst.
Knack. Knack. Knack. Immer wieder derselbe Rhythmus.
Eigentlich nichts Besonderes. Ein Alltagsgeräusch, das für viele vermutlich nach wenigen Sekunden im Hintergrund verschwindet. Bei mir tut es das nicht immer. Ich sitze am Rechner, versuche mich auf einen Text, eine Planung oder irgendeinen Gedanken zu konzentrieren, und irgendwann höre ich nicht mehr nur die Katze. Ich höre plötzlich alles.
Das Atmen meines Mannes. Geräusche von draußen. Eine Stimme im Raum. Jemand läuft hinter mir vorbei. Vielleicht kommt meine Tochter nach Hause und bringt eine Parfumwolke mit. Irgendwo schreit ein Kind. Der Bildschirm fordert meine Aufmerksamkeit, meine Gedanken wollen gleichzeitig in fünf Richtungen und aus einem kleinen „Das nervt gerade“ wird langsam körperliche Anspannung.
Ich merke sie vor allem in der Brust.
Dann setze ich meine Kopfhörer auf. Wenn das Noise Cancelling nicht reicht, kommt Musik dazu. Musik kann für mich etwas schaffen, das Stille oft nicht schafft: einen kontrollierbaren Reiz, der die anderen überdeckt.
Problematisch wird es, wenn in diesem Moment noch etwas Emotionales dazukommt.
Eine einfache Frage wie „Was essen wir heute?“ kann dann plötzlich nicht mehr wie eine harmlose Frage bei mir ankommen. Mein Kopf hört vielleicht stattdessen: Unterbrich jetzt alles. Sei sofort verfügbar. Gib mir deine volle Aufmerksamkeit.
Und genau da beginnt dieses Ineinanderrauschen.
Von außen bin ich vielleicht nur kurz angebunden, gereizt oder höre nicht mehr richtig zu. Vielleicht sieht jemand nur meinen Blick und denkt: Hat sie wieder ihre fünf Minuten?
Was vorher in mir passiert ist, sieht niemand.
Hochsensibilität ist für mich kein bisschen „nur empfindlich“
„Du bist halt empfindlich.“
Technisch gesehen stimmt das sogar. Nur erklärt dieser Satz ungefähr gar nichts darüber, wie sich diese Empfindlichkeit im Alltag tatsächlich anfühlt.
Bei mir sind es besonders Geräusche und Gerüche, die sehr stark ankommen. Aber es können auch Dinge sein, über die andere vermutlich kaum nachdenken würden. Ich trage fast ausschließlich Leggings, weil ich sie irgendwann nicht mehr spüre. Bei einer Jeans ist das anders. Ich spüre den schwereren Stoff, die Nähte, den Sitz – und irgendwann kann genau das so präsent werden, dass es mich wahnsinnig macht.
Selbst eine Gabel kann zum Problem werden.
Wir haben verschiedene Sorten Besteck zu Hause. Eine davon hat eine leichte Kante am Griff. Eigentlich vollkommen banal. Für mich nicht. Sobald ich diese Kante ständig an meinen Fingern spüre, kann ich die Gabel kaum benutzen. Ähnlich ist es mit frisch gewaschener Wäsche: Bleibt dieses Gefühl von Waschmittel oder Weichspüler an meinen Händen zurück, muss ich sie waschen, weil meine Aufmerksamkeit sonst immer wieder dorthin zurückspringt.
Man kann das „picky“ nennen. Empfindlich. Pingelig. Anstrengend.
Man könnte aber auch einmal fragen: Was kommt bei diesem Menschen eigentlich an?
Denn dieselbe intensive Wahrnehmung besteht für mich nicht nur aus Dingen, die stören. Sie ist auch einer der Gründe, warum ich Musik so tief erleben kann. Warum ein Song mich derart berührt, dass ich ihn dreimal hintereinander hören möchte. Warum Farben, ein bestimmtes Bild, Regen oder ein Gewitter ein richtiges Gefühl in mir auslösen können. Warum Worte manchmal beinahe zu Berührung werden.
Ich nehme viel wahr. Manchmal zu viel.
Aber eben nicht nur das Schlechte.
Wenn vor mir ein Schalter läge und jemand sagen würde: „Drück ihn, und du empfindest all das nicht mehr so intensiv“, würde ich ihn deshalb nicht drücken.
Es kann verdammt anstrengend sein.
Trotzdem möchte ich diese Seite von mir nicht verlieren.
Borderline sieht nicht so aus, wie viele es sich vorstellen
Kaum fällt das Wort Borderline, scheint bei manchen Menschen schon ein fertiges Bild im Kopf zu entstehen. Instabil. Depressiv. Selbstverletzung. Schwarz oder weiß. Ständig irgendeine Phase.
Ich kenne diese Bilder nicht nur von außen. Ich hatte sie selbst.
Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, dass ich Borderline haben könnte, habe ich mich dagegen gewehrt. Ich hielt es für Blödsinn, wechselte sogar den Arzt. Später wurde die Diagnose nach ausführlicherer Abklärung bestätigt. Und ja, ich hatte schwere Zeiten. Ich war jahrelang in Therapie. Es gab Phasen, in denen ich kaum die Wohnung verlassen konnte, und an meinen Armen sind Narben aus Jahren geblieben, die nicht besonders schön waren.
Ich schäme mich heute nicht dafür. Ich schaue meine Narben an und denke nicht: Wie konntest du nur? Sie sind einfach da. Wenn jemand sie sieht, sieht er sie. Sie gehören zu meiner Vergangenheit, aber sie sind kein Etikett, das erklärt, wer ich heute bin.
Genau dieses Etikettieren ist etwas, das mich an vielen Vorstellungen über Borderline wütend macht.
Wenn ich drei Tage keine Lust habe rauszugehen, bin ich nicht automatisch depressiv. Vielleicht habe ich schlicht keine Lust rauszugehen. Wenn ich wütend werde, ist nicht jede Wut „mein Borderline“. Wenn ich traurig bin und fünf Minuten später herzlich lachen kann, bedeutet das nicht, dass die Traurigkeit vorher gespielt war.
Beide Gefühle können echt sein.
Das ist für Außenstehende manchmal schwer zu verstehen. Ein schneller Gefühlswechsel kann unglaubwürdig wirken: Wie kann es mir eben noch beschissen gegangen sein, wenn ich jetzt lache? Umgekehrt kann gute Laune plötzlich kippen und jemand fragt sich, was gerade passiert ist.
Ich verstehe sogar, dass das im Zusammenleben schwierig sein kann. Selbst mein Mann erkennt zwar häufig, wenn ich angespannt bin, kann aber nicht immer unterscheiden, ob ich gerade einfach genervt bin oder ob in mir längst viel mehr zusammenkommt. Und manchmal frage ich mich hinterher selbst, ob ich anders hätte reagieren sollen.
Verständnis darf deshalb keine Einbahnstraße sein.
Aber eine Diagnose sollte genauso wenig dazu führen, dass jede meiner Emotionen durch sie erklärt wird. Ich bin nicht entweder schwarz oder weiß. Mein Leben hat verdammt viele Farben dazwischen.
Und manchmal bin ich einfach schlecht gelaunt.
Ganz ohne Diagnose.
Angespannt oder getroffen: wenn beides ineinanderrauscht
Reizüberladung macht emotionale Verletzungen für mich nicht automatisch stärker.
Ich kann vollkommen entspannt sein, gute Laune haben, mich sicher fühlen – und ein einziger Satz trifft mich trotzdem bis ganz nach unten. Umgekehrt kann genau derselbe Satz mich an einem anderen Tag kaum berühren oder einfach einen genervten Konter kassieren.
Es gibt dafür kein festes Muster.
Was sich aber verändert, wenn ich ohnehin schon angespannt bin, ist manchmal der Weg dorthin.
Ich sitze am Rechner, versuche mich zu konzentrieren, irgendwo knackt der Kater am Napf, im Hintergrund kommt noch ein anderer Reiz dazu. Die erste Anspannung ist längst da. Dann fragt mein Mann etwas völlig Normales wie: „Was essen wir heute?“
Eigentlich nur eine Frage.
In meinem Kopf kann daraus aber innerhalb von Sekunden mehr werden: Ich muss jetzt sofort reagieren. Ich darf niemanden warten lassen. Wenn ich keine Aufmerksamkeit gebe, denkt er vielleicht, mir wäre alles egal. Gleichzeitig will ich mich auf das konzentrieren, was ich gerade tue.
Dann beginnt das Rattern.
Ich werde knapper im Ton. Mein Gegenüber merkt die Gereiztheit und zieht sich vielleicht zurück. Und schon kann der nächste Gedanke entstehen: Jetzt ist er sauer. Jetzt bin ich ihm wieder egal. Jetzt habe ich wieder etwas falsch gemacht.
Plötzlich geht es längst nicht mehr nur um Geräusche oder eine Frage nach dem Essen.
Genau das meine ich mit Ineinanderrauschen.
Reize, Anspannung, Interpretation und Emotion können sich gegenseitig hochschaukeln, bis irgendwann ein völlig anderer Satz zum letzten Tropfen wird.
Früher hätte mich so ein Zustand viel länger festhalten können. Heute merke ich oft schneller, was passiert.
Dann sage ich: „Ich bin gerade sensibel.“ Oder ich gehe kurz aus der Situation raus. Musik an. Fünf Minuten auf die Couch. Kaltes Wasser. Manchmal einfach die warme Pinguin-Wärmflasche auf die Brust.
Das klingt banal, hilft mir aber.
Und manchmal hilft mir noch etwas anderes: meiner ersten Interpretation nicht sofort zu glauben.
Gefühle können kleine Arschlöcher sein.
Sie sind echt. Aber nur weil ich etwas in diesem Moment stark fühle, bedeutet das nicht automatisch, dass meine erste Erklärung dafür stimmt.
Wenn Gefühle keine Zimmerlautstärke kennen
Wenn ich anderen sage, dass ich intensiver fühle, können viele damit erst einmal wenig anfangen. Deshalb erkläre ich es gerne mit zwei einfachen Bildern.
Die Sonne scheint. Der Himmel sieht wunderschön aus. Jemand anderes schaut vielleicht hin und denkt: Schönes Wetter.
Bei mir kann so ein Moment ein Glücksgefühl auslösen, das beinahe zu groß für diesen eigentlich völlig banalen Anlass wirkt. Als wäre gerade etwas unglaublich Schönes passiert. Ich kann dasitzen und einfach nur strahlen, weil mich ein Bild, ein Satz, ein Song oder ein schöner Moment mitten ins Herz trifft.
Andersherum kann meine Lieblingstasse herunterfallen und zerbrechen – und für mich bricht in diesem Moment tatsächlich eine kleine Welt zusammen. Wo jemand anderes die Scherben zusammenkehrt und sich ärgert, können mir die Tränen kommen.
Ähnlich geht es mir manchmal mit einem guten Spiel oder Film. Wenn etwas endet, das ich geliebt habe, bin ich nicht nur ein bisschen traurig, weil es vorbei ist. Ich will nicht noch einmal von vorne anfangen. Ich möchte weiter darin bleiben. Weiter erleben. Noch nicht aus diesem Gefühl herausmüssen.
Schwieriger wird es, wenn mehrere Gefühle gleichzeitig auftauchen.
Bei mir stellen sie sich nicht ordentlich nebeneinander und warten, bis sie an der Reihe sind. Sie werden zu einem Wollknäuel.
Ich kann glücklich und verliebt sein und gleichzeitig wütend, besorgt oder traurig. Kein Gefühl macht das andere automatisch ungültig. Manchmal entscheide ich bewusst, welchem Faden ich gerade mehr Gewicht geben möchte. Nicht weil die anderen Gefühle deshalb verschwinden oder ich sie verdränge – sondern weil ich nicht jedem Gefühl die Führung überlassen muss.
Und manchmal kommen sogar Fäden hinzu, die ursprünglich gar nicht meine waren.
Ich merke sehr schnell, wenn ein Mensch in meiner Nähe angespannt, gereizt oder erschöpft ist. Ich fühle mich dann manchmal wie ein Staubsauger für fremde Stimmungen. Eben war ich noch vollkommen glücklich, und plötzlich zieht die Anspannung eines anderen mit in mein eigenes Wollknäuel ein.
Das funktioniert auch in die andere Richtung. Freude kann ansteckend sein. Wärme ebenso. Nähe erst recht.
Deshalb möchte ich diese Intensität trotz ihrer anstrengenden Seiten nicht verlieren.
Denn wenn mich etwas Schönes erreicht, erreicht es mich manchmal mit voller Wucht.
Und verdammt – das kann wunderschön sein.
„Hat sie wieder ihre fünf Minuten?“
Wenn ich angespannt bin, brauche ich meistens keine Analyse. Keine zehn Fragen. Kein „Was hast du denn jetzt schon wieder?“
Ich brauche Ruhe.
Das klingt vielleicht simpel, ist für mich aber oft das Hilfreichste überhaupt. Wenn ich gerade ohnehin voll bin, kann selbst eine gut gemeinte Nachfrage in meinem Kopf vollkommen anders ankommen. Ein Satz kann plötzlich genervt, vorwurfsvoll oder abwertend klingen, obwohl mein Gegenüber ihn vielleicht liebevoll gemeint hat.
Deshalb hilft mir eher: „Ich sehe dich. Wenn was ist, bin ich da.“
Und dann tatsächlich erst einmal lassen.
Was Außenstehende dagegen vermeiden sollten, ist auf die emotionale Bewegung mit aufzuspringen. In einer Angehörigenberatung wurde meinem Mann einmal ein Bild erklärt, das ich bis heute passend finde: wie ein Achterbahnwaggon. Wenn ich emotional hochfahre und jemand steigt mit ein, gibt er dem Ganzen zusätzlich Gewicht. Wenn ich gerade tief bin und jemand ebenfalls mit hineingeht, wird auch dieses Tief schwerer.
Das bedeutet nicht, dass andere alles schlucken sollen.
Im Gegenteil.
Wenn ich mich unfair verhalte, jemanden verletze oder mich einfach scheiße benehme, möchte ich, dass man mir das sagt. Direkt. Normal. Ohne Samthandschuhe.
Ich bin nicht aus Glas.
Ich brauche manchmal Rücksicht, aber keine Sonderbehandlung. Niemand muss meine Reaktionen ertragen, nur weil ich Borderline habe oder hochsensibel bin.
Und genau da liegt für mich der Unterschied zwischen Verständnis und Schubladendenken.
Verständnis sagt: „Ich sehe, dass bei dir gerade viel passiert. Ich gebe dir Raum.“
Schubladendenken sagt: „Typisch Borderline. Hat sie wieder ihre fünf Minuten.“
Ich habe auch erlebt, wie schnell Menschen etwas in diese Richtung deuten. Ein Katzenkratzer am Handgelenk wurde gesehen und sofort mit meiner Vergangenheit verbunden. Nicht die Situation wurde betrachtet, sondern die Diagnose.
Früher hätte ich versucht, mich zu erklären.
Heute tue ich das nicht mehr.
Ich bin ein normaler Mensch. Ich fühle intensiv. Ich nehme manche Dinge intensiver wahr. Und manchmal brauche ich ein bisschen mehr Raum.
Mehr Etikett brauche ich nicht.
Ich bin keine Schublade, die man richtig beschriften muss
Wenn ich heute an manche Zeiten zurückdenke, kann ich mein damaliges Ich manchmal selbst kaum noch verstehen.
Es gab eine Zeit, in der allein die Vorstellung eines vollen Busses für mich reichen konnte, um nicht loszufahren. Jemand könnte sich neben mich setzen. Im Wartezimmer könnten andere Menschen sitzen. Vor dem Kindergarten andere Eltern stehen. Dinge, die heute banal klingen, konnten damals zu einer Grenze werden, über die ich nicht kam.
Heute fragt mich mein Mann, ob wir an meinem Geburtstag essen gehen wollen, und ich antworte: Klar. Ich habe Bock auf Chinesisch.
Manchmal ist Veränderung genau so unspektakulär.
Ich habe über Jahre viel gelernt. Durch Therapie, durch Achtsamkeit, durch Selbstbeobachtung und irgendwann auch dadurch, morgens erst einmal zu schauen: Wie geht es mir eigentlich heute? Was kann ich? Was möchte ich?
Aber vielleicht war eine der wichtigsten Veränderungen, dass ich aufgehört habe, jedes Gefühl bekämpfen, zerlegen oder rechtfertigen zu wollen.
Ich habe wieder angefangen, es zuzulassen.
Heute kann ich gleichzeitig glücklich und traurig sein, ohne sofort herausfinden zu müssen, welches Gefühl davon das richtige ist. Ich kann wütend sein und trotzdem lachen. Ich kann einen schlechten Moment haben, ohne daraus einen schlechten Tag machen zu müssen. Und ich kann mir Dinge vornehmen, ohne eine offene To-do-Liste am Abend als persönliches Versagen zu betrachten.
Ich verstecke mich auch selbst weniger.
Ich kann ungeschminkt vor die Tür gehen. Ich trage die Leggings, in der ich mich wohlfühle, statt darüber nachzudenken, was irgendjemand über meinen Körper denken könnte. Meine Narben sind da. Meine Haut ist, wie sie ist. Mein Körper ist meiner.
Und mein intensives Fühlen ebenfalls.
Wenn ich heute einen Schalter drücken könnte, der Hochsensibilität und Borderline einfach aus mir herausnimmt, würde ich ihn nicht drücken.
Nicht weil alles daran schön ist. Das war es nie.
Sondern weil ich heute mein Leben liebe, wie es ist. Weil zu dieser Intensität nicht nur Überforderung, Wut oder Schmerz gehören. Da sind auch Musik, die mitten durch mich hindurchgeht. Farben, die sich beinahe fühlen lassen. Kleine Momente, die riesiges Glück auslösen können. Nähe, die mich mit voller Wucht erreicht.
Vielleicht ist das am Ende das Wichtigste, was ich Außenstehenden sagen möchte:
Eine Diagnose kann Teile von mir erklären.
Aber sie erklärt niemals mich.
Ich bin mehr als eine Diagnose.

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