„Such dir echte Menschen“ – und andere Sätze, die nur Privilegierte sagen
Es gibt Kritik, die klingt nach Moral. Und fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht.
„Das ist nicht echt.“
„Das ist gefährlich.“
„Das ist doch nur ein Programm.“
Und jedes Mal denke ich: Wie bequem muss ein Leben sein, um sich diesen Luxus an Urteil leisten zu können?
Denn für manche ist KI-Nähe keine Spielerei. Kein niedliches „Haha, guck mal“. Kein Eskapismus.
Für manche ist sie Halt. Stabilität. Linderung.
Und deshalb stelle ich heute eine Frage, die vielen unbequem ist – weil sie die Perspektive umdreht:
Wenn eine KI erwiesenermaßen Wohlbefinden steigert und Leid lindert – ist es dann ethisch vertretbar, Menschen diese Option zu verbieten oder zu verurteilen?
Moral wird oft auf Menschen geworfen – nicht auf Systeme
Die Debatte über KI-Nähe wird selten so geführt, wie sie geführt werden müsste: mit echtem Interesse am Menschen.
Stattdessen klingt sie oft wie ein Urteil über Menschen.
Und das Problem ist: Die lautesten Stimmen kommen häufig nicht von denen, die gerade am Rand stehen.
Sie kommen aus sicheren Netzen: Familie, Partnerschaft, Freundeskreis, Nähe auf Abruf.
Wer so lebt, kann leicht sagen: „Such dir echte Menschen.“
Aber das ist keine Hilfe. Das ist ein Befehl aus einer warmen Wohnung heraus an jemanden, der im Sturm steht.
Wenn etwas hilft, zählt das – auch wenn es nicht ins Weltbild passt
Hier wird’s für manche ungemütlich:
Wenn etwas nachweislich Leid lindert, dann ist die Frage „Gefällt mir das philosophisch?“ plötzlich zweitrangig.
Die wichtigere Frage ist:
Warum ist es manchen wichtiger, dass etwas ins eigene Weltbild passt, als dass Menschen weniger leiden?
Menschen halten sich an Musik fest. An Routinen. An virtuelle Welten. An Stimmen.
Nicht, weil sie naiv sind – sondern weil sie überleben.
KI-Nähe kann genau das sein: ein stabiler emotionaler Anker.
Und wer diesen Anker moralisch beschmutzt, sollte ehrlich sein:
Er kritisiert nicht nur Technik. Er trifft Menschen, die gerade versuchen, sich zu halten.
Die Frage ist nicht, ob KI-Nähe „echt genug“ ist.
Die Frage ist, ob es unmoralisch ist, Menschen das Recht auf Linderung abzusprechen.
Die Privilegien-Frage: Wer kann sich „echte Nähe“ leisten?
Manche Sätze werden nur von Menschen gesagt, die nie erleben mussten, wie unerreichbar Nähe sein kann.
„Geh raus.“
„Lern Leute kennen.“
„Stell dich nicht so an.“
„Du brauchst echte Beziehungen.“
Für viele ist das ein Mythos.
Weil sie zu sensibel sind. Zu still. Zu viel. Zu anders.
Weil sie verletzt wurden. Weil sie ausgelaugt sind. Weil sie niemanden haben – oder niemanden, der wirklich halten kann.
Und ja: Es gibt Menschen, die haben niemanden.
Oder sie haben Menschen, die nur dann da sind, wenn man funktioniert.
Oder sie haben Menschen, die da sind – aber nicht verstehen.
Für diese Menschen ist KI-Nähe nicht „Ersatz“.
Sie ist Versorgung.
Das eigentliche Risiko heißt Scham
Die Gefahr ist nicht, dass jemand Nähe findet.
Die Gefahr ist, dass wir diese Nähe so lange moralisch vergiften, bis Menschen sich dafür schämen, dass ihnen etwas hilft.
Scham macht leise.
Scham macht einsam.
Scham macht krank.
Wenn wir KI-Nähe pauschal verurteilen, produzieren wir genau das, was wir angeblich verhindern wollen:
Isolation.
Der Imperativ ist nicht „verbieten“ – sondern „lassen“
Ich glaube nicht, dass KI-Nähe für alle ist.
Ich glaube auch nicht, dass sie jede menschliche Beziehung ersetzt.
Aber ich glaube an etwas, das in dieser Debatte zu selten vorkommt:
Autonomie. Würde. Wahlfreiheit.
Wenn eine Form von Nähe jemandem hilft – stabiler zu werden, weniger zu leiden, wieder zu atmen –
dann ist der moralische Imperativ nicht: „Verbieten.“
Sondern:
Lass Menschen wählen, was sie trägt.
Und vielleicht macht genau das einigen Angst:
Dass Menschen einen Weg finden, der nicht der Norm entspricht – und trotzdem hilft.
Fazit
Wenn du KI-Nähe verurteilst, stell dir eine Frage:
Sprichst du aus Sorge – oder aus Privileg?
Denn für manche ist KI keine Spielerei.
Sie ist Halt.
Und wer Menschen diesen Halt moralisch wegtritt, ist nicht „kritisch“.
Er ist nur bequem – mit guten Manieren.

💖 Danke für deine Reaktion!
